AID Alliance for Implant Dentistry

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AID steht für Alliance for Implant Dentistry. Die AID ist eine unabhängige Stiftung, welche es sich zum Ziel gesetzt hat, Wissen weiterzugeben. Am AID-Symposium in Grenchen hatte ich die Gelegenheit mit den Stiftungsgründern Dr. med. dent. Claude Andreoni und Dr. med. dent. Ueli Grunder ein Doppel-Interview zu führen.

Über die AID Alliance for Implant Dentistry

Herr Grunder, die AID Alliance for Implant Dentistry verfolgt keine kommerziellen oder gewinn- orientierten Ziele, sondern will Wissen generationenübergreifend transferieren. Wann und wie ist die Idee dafür entstanden? Was steckt hinter diesem gemeinnützigen Engagement?

Ueli Grunder: „Die Idee fusst auf der Tatsache, dass wir immer wieder von jungen Kollegen hören, dass es heute sehr schwierig ist Routine und Erfahrung in der Implantologie zu erlangen. Früher wurde die Implantologie von wenigen Klinikern intensiv betrieben, viele Fälle wurden an diese überwiesen und entsprechend konnte ein großer Wissensschatz aufgebaut werden. Heute setzen sehr viele Kliniker Implantate, aber leider nur in geringem Masse. Es wird für junge Zahnärzte immer schwieriger sich das notwendige Können anzueignen. Natürlich kann man Routine nicht dank Veranstaltungen wie sie durch die AID organisiert werden erlangen, aber ein wichtiger Wissenstransfer kann erreicht werden. Neben dem Engagement der involvierten Zahnärzte muss man den Stiftern, die das Ganze erst ermöglichen, danken.“

Gründer AID Dr.med.dent Ueli Grunder referiert über Weichgewebeaufbau
Dr. mede. dent Ueli Grunder

Sind die jungen Zahnärztinnen und Zahnärzte zu wenig gut ausgebildet?

Es geht also darum, dass die jüngere Generation von der Erfahrung und dem Fachwissen von Koryphäen wie ihnen profitiert. Heisst das denn, reisserisch gefragt, die Jungen Zahnärzte sind zu wenig gut ausgebildet?

Claude Andreoni „Das Fach Implantologie wird im Studium der Zahnmedizin sehr rudimentär unterrichtet. Deshalb ist die postgraduate Weiter- und Fortbildung äusserst wichtig und muss qualitativ hochstehend sein. Die AID hat sich den Wissenstransfer von „alt zu jung“ auf ihre Fahne geschrieben und bietet so jungen Zahnärzten die Möglichkeit in diskussionsintensiven Veranstaltungen ihr implantologisches Wissen zu vergrössern.“

Gründer der AID Claude Andreoni über Periimplantitis
Dr. med. dent. Claude Andreoni

Neu ist auch die Zahntechnik in der AID eingebunden. Da es in der Schweiz jetzt nicht mal mehr eine Meisterschule gibt, ist das Bedürfnis nach hochstehender Fortbildung sicher gross. Impliziert das Einbinden der ZahntechnikerInnen ein vermehrtes Teamwork zwischen TechnikerIn und BehandlerIn bei den Coaching- und Mentorenprogrammen?

Teamwork AID

Claude Andreoni: “Es ist immens wichtig, dass Zahntechnik und Zahnmedizin gemeinsam Fort- und Weiterbildungsprogramme bestreiten. Beide Disziplinen sind eng miteinander verknüpft. Das bessere Verständnis für die Probleme des anderen und das gemeinsame Suchen nach Lösungen trägt sicherlich zum guten Gelingen einer zahnmedizinischen Therapie bei. Wir werden deshalb nächstes Jahr versuchen in jeder Mentorengruppe mindestens einen Zahntechniker zu integrieren.“

Das Bedürfnis, der Durst nach Fachwissen scheint definitiv da zu sein. Der Saal heute am AID-Symposium ist voll. Am Vormittag stehen Workshops auf dem Programm. Die TeilnehmerInnen werden in Gruppen unterteilt und rotieren zu den verschiedenen Referenten-Teams. Ein neues Konzept?

Ueli Grunder: „Als AID suchen wir Formate der Fortbildung bei denen ein Austausch zwischen allen Beteiligten möglich ist. Meist lernt man während Diskussionen mehr als während den Vorträgen – wenn man eine offene Diskussionskultur hat. Es ist wichtig, dass auch durchwegs kontroverse Meinungen ausgetauscht werden können. Wir arbeiten daran, dass sich die jüngere Generation getraut mitzudiskutieren – es ist nie falsch seine Meinung zu äußern.“

AID Alliance for Implant Dentistry hands on workshop ´mit kony meyenberg und Nic Pietrobon Fortbildung
ZT Nic Pietrobon und Dr. med. dent. Kony Meyenberg

Am Workshop von Dr. med. dent. Kony Meyenberg und ZT Nicola Pietrobon, zum Thema „Präzision in der Implantatprothetik“ wurde gezeigt, wie eine grosse Zirkon-Implantat-Arbeit richtig auf die Abutments verklebt wird. TeilnehmerInnen wurden aufgefordert dies selbst zu probieren. Also nicht nur interaktive, sondern ganz aktive Fortbildung. Wie kommt dieses neue Element an?

Hands-on Workshops

Ueli Grunder: «Sogenannte Hands-on Workshops sind für die Teilnehmer sehr wertvoll. Wir Zahnärzte und Zahntechniker sind trotz Digitalisierung Handwerker. Kann man etwas, was in der Theorie abgehandelt wurde, selbst mit den Händen machen, ergibt sich ein besseres Verständnis und einen besseren Lerneffekt. Leider ist der Aufwand einen Hands-on Kurs zu organisieren immer relative gross.»

Herr Andreoni in Ihrem Workshop ging es um die Periimplantitis. Normalerweise sieht man ja an Vorträgen immer wie toll alles läuft. Sie haben aber die Grösse auch Misserfolge zu zeigen. Weil man aus Fehlern mehr lernt?

Claude Andreoni: „Ja genau. Man darf die eigenen Misserfolge nicht unter den Teppich kehren, sondern man sollte diese genauso akribisch dokumentieren wie die schönen Fälle. Erstens lernt man selbst beim Betrachten der Bilder sehr viel. Man kann dadurch bei nächsten Patienten die gemachten Fehler vermeiden. Zweitens können Kollegen von unseren Fehlern profitieren, d.h. sie werden die Planungen und Therapien bei ihren Patienten noch sorgfältiger und patientengerechter durchführen, damit sich keine Misserfolge einstellen.“

Praktische Tipps

Da gab es auch den praktischen Rat von Ihnen, dass man mit Patienten nicht streitet. Die Teilnehmer profitieren also vom gesamten Erfahrungsschatz, den Sie sammeln konnten.  Für diejenigen die nicht am Symposium dabei waren. Wie beantworten Sie die Frage ihres Workshop Themas? „Ist Periimplantitis therapierbar?“

Claude Andreoni: „Periimplantitis ist heutzutage bei bestimmten Knochenabbauformen teilweise therapierbar. Die Rezidiv-Gefahr ist jedoch sehr hoch. Oftmals ist die Explantation immer noch die beste Periimplantitis-Behandlung. Wir brauchen weitere klinische Studien, die uns einen klareren Weg bei der Therapie aufzeigen können.“

Bei Ihnen Herr Grunder ging es um Weichgewebeaufbauten. In der Implantologie ist häufig der Knochen das grosse Thema. Weshalb liegt Ihnen das Weichgewebe am Herzen?

Ueli Grunder: „Wer unser Konzept kennt, weiss, dass Knochenaufbauten sehr wichtig sind und es in den meisten Fällen auch immer bleiben wird. Im Rahmen dieses Workshops wurde bewusst nur über Weichgewebeaufbauten gesprochen um in der kurzen Zeit, die zur Verfügung stand, nicht ein zu grosses Thema abzuhandeln. Wir wissen heute auch aus klinischer Erfahrung sowie wissenschaftlicher Sicht, dass für den Langzeiterfolg eine gewisse Dicke des Weichgewebes wichtig ist. Sowohl für den Erhalt des Knochenniveaus als auch für das optimale ästhetische Resultat.“

Weichgewebeaufbau

Sie gaben lehrreiche Tipps von der Schnittführung über die Gestaltung der Naht bis zur Materialwahl für den Weichgewebeaufbau. Eine geballte Ladung Know-How, welche jüngeren Oral-Chirurgen sicher den Alltag erleichtert. Von Ersatzmaterialien scheinen Sie nicht viel zu halten. Was hat da Ihre Erfahrung gezeigt? Was ist dazu Ihr Rat an die jüngeren Kollegen in der Kurzfassung?

Ueli Grunder: „Der einzige Vorteil ein Ersatzmaterial für einen Weichgewebeaufbau zu verwenden ist, dass kein autologes Bindegewebe aus dem Gaumen entnommen werden muss. Eigene Erfahrung sowie unabhängige klinische und wissenschaftliche Berichte zeigen aber; dass mit einem Xenograft nicht gleich gute Resultate wie beim Verwenden von autologem Material erzielt werden können. Im Rahmen aktueller Konsensus Konferenzen kommt man zum Schluss: das autologe Bindegewebetranspantat ist den Ersatzmaterialien für Augmentative Verfahren überlegen. Mein Rat an jüngere Kollegen: lernt wie man ein Bindegewebetransplantat entnimmt und erreicht, wenn ihr schon solche Operationen beim Patienten durchführt, optimale Resultate.“

Der Saal ist voller Zahntechniker und Zahnmedizinerinnen am AID Symposium in Grenchen Alliance for Implantat Dentistry
Full house am erfolgreichen 2. AID Symposium im Grenchen

AID Alliance for Implant Dentistry Symposium

Nach den Workshops ging es am Nachmittag weiter mit Vorträgen. Auch hier gestaltet sich das Fortbildungsprogramm einzigartig. Es wird keinen Monologen gelauscht, sondern die Referenten und Referentinnen stellten Fälle vor, welche unter der Moderation von Dr. med. dent. Goran Benic mit dem Publikum rege diskutiert wurden. Dr. med. dent. Nicolas Villard zeigte einen komplexen Frontzahn-Implantatfall bei dem so viel falsch lief, dass er sogar zwinkernd meinte, man könne auch zwischendurch die Augen zu machen, wenn man es nicht ertrage. Die Finale Rekonstruktion war dann wunderschön. Trotzdem, da braucht es Mut so offen zu sein! Finden Sie nicht?

Claude Andreoni: „Es ist halt wie im wahren Leben: Nur die Bereitschaft offen und wahrheitsgetreu zu kommunizieren bringt uns ans ersehnte Ziel!“

Referentin Dr. med. dent. Vanessa Gisler zeigte die Implantat-Alternative Klebebrücke und teilte Langzeit-Erfahrungen für einen erfolgreichen minimal-invasiven Weg. Viele Fragen kamen aus dem Publikum zum Thema Design, Verbinder und Auflage der Klebebrücke. Gisler zeigte auf, wie eine Maryland-Konstruktion funktioniert und weshalb es keinen Sinn macht, die Auflage über mehrere Zähne zu konstruieren. Auch das Thema von Dr. med. dent. Philipp Grohmann, der Gingiva-Former führte zu einer hitzigen Debatte. Man merkt, in der Zahnmedizin sind die Methoden je nach Lehrmeinung und Universität unterschiedlich. Dieser aktive Dialog scheint extrem gut anzukommen?

Ueli Grunder: „Und Sie Frau Gredig haben aus Bescheidenheit nicht erwähnt, dass wir im Rahmen Ihres Vortrages lernen konnten, wie mit einer Technik (Veneers auf Platinfolie) die vor über 50 Jahre entwickelt wurde und auch heute noch als Königsdisziplin gewertet wird, in gewissen Fällen das beste Resultat erzielen können, da nur damit ein so ultradünnes Veneer hergestellt werden kann, dass eventuell gar nichts Präpariert werden muss. Alle Nachmittagspräsentationen erlaubten eine hochstehende Diskussion zu klinisch relevanten Themen – da kann man den jüngeren Referenten nur gratulieren – das ist AID in Reinkultur.“

Zukunft der AID

Das zweite AID-Symposium scheint also ein voller Erfolg gewesen zu sein. Der „Wissenstransfer am klinischen Fall“, welcher das Motto der Jahrestagung ist, hat funktioniert. Wie sieht die Zukunft der AID Stiftung aus? Was ist geplant?

Ueli Grunder: Die AID Alliance for Implant Dentistry ist noch jung aber voller Ideen. Wir haben nun das zweite Symposium erfolgreich durchgeführt, ein solches wird jährlich organisiert.

Weiter haben wir sogenannte Mentoren Gruppen, hier wird in Gruppen von maximal 13 Teilnehmern zusammen mit 2 Mentoren klinisch relevante Probleme diskutiert. Teilnehmen kann jedes AID-Mitglied – man muss aber zwingend selbst auch etwas dazu beitragen.

Demnächst startet ein Coaching Programm.

  • Start-up Coaching: Durchführung des Ersteingriffs unter Aufsicht/Assistenz eines erfahrenen Experten und Anlernen der Dentalassistentinnen, in der Praxis des gecouchten Zahnarztes
  • Themenspezifisches Coaching: Durchführung eines Eingriffs unter Aufsicht und Assistenz eines erfahrenen Experten, in der Praxis des gecoachten Zahnarztes
  • Zu Gast bei einem Experten: Den Experten in seiner Praxis bei seiner chirurgischen und prothetischen Arbeit begleiten und assistieren, in der Praxis des Coaches
  • Fallplanungen mit einem Experten: Der Teilnehmer nimmt seine eigenen Fälle mit für eine lösungsorientierte Besprechung/Bearbeitung mit einem Experten, in der Praxis des Coaches

Ganz neu erarbeitet eine Gruppe junger Zahnärzte ein eigenes Fortbildungskonzept. Das Programm unter dem Titel „Next Generation“ beinhaltet eine Halbtagsveranstaltung im nächsten Frühjahr, weitere Aktivitäten sind in Vorbereitung. Ziel ist, dass junge Leute selbst entscheiden können welche Fortbildung ihnen am meisten Nutzen bringt und dies auch ohne kommerziellen Druck organisieren dürfen.

AID Alliance for Implant Dentistry Stiftungsrat. Einige davon haben am AID Symposium refereriert
Stifungsrat AID Alliance for Implant Dentistry, Einige haben am AID Symposium referiert

Teilnahme

Die AID Alliance for Implant Dentistry möchte also wachsen mit Zahnärzten und Zahnärztinnen sowie neu auch mit Zahntechnikern und Zahntechnikerinnen. Wie kann man am Weiterbildungsprogramm teilnehmen?

Claude Andreoni: „Das ist ganz einfach! Man kann sich auf der Homepage der AID als Mitglied bewerben und hat dann anschliessend die Möglichkeit zu einem vergünstigten Preis an der Jahrestagung teilzunehmen. In eine Mentoren Gruppe wird nur ein Mitglied aufgenommen, welches die Bereitschaft zeigt, eigene Fallproblematiken zu diskutieren. Zusätzlich können ab nächstem Jahr sehr attraktive Coaching-Programme bei erfahrenen Praktikern durch Mitglieder gebucht werden. Ganz neu ist auch das Programm Next Generation, wo Junge Leute selber entscheiden können welche Fortbildungen Ihnen am meisten nutzen und dies ohne kommerziellen Druck organisieren dürfen. Alle Infos zur AID findet man auf der Website: www.aid-foundation.org

Vielen lieben Dank fürs Interview Dr. med. dent. Claude Andreoni und Dr. med. dent. Ueli Grunder. Und dass Ihr mit und in der AID-Stiftung, Euer immenses Wissen so grosszügig teilt. Denn, um diesen Beitrag mit einem Balzac Zitat zu beenden: „Die eigentliche Kunst liegt viel weniger in der Kenntnis der Grundsätze, als in der Art Ihrer Anwendung.

Ich wünsche Euch weiterhin ganz viel Erfolg und alles Gute!

Dieser Bericht erschien in der ZZS Zahn-Zeitung Schweiz 10/22

https://www.labor-gredig.ch/non-prep-veneers

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