
MIH Kreidezähne
MIH die Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, umgangssprachlich auch Kreidezähne genannt, ist eine Krankheit die immer häufiger erkannt wird und Kinderzähne zerbröckeln lässt.
Anmerkung der Redaktion. Dieser Beitrag ist immer noch topaktuell, es gab unterdessen leider keine neuen Erkenntnisse betreffend MIH. Stand 31.10.2022
Der Zürcher Kinderzahnarzt Dr. med dent Rolf Ammann sieht bei 50-60% seiner jungen Patienten Anzeichen der MIH Krankheit in Form typischer Wolkenstukturen im Schmelz,
5-10% davon sind stark betroffen mit einzelnen Zähnen, die einen Substanzverlust und eine starke Hypersensibilität aufweisen, wie er mir im Interview erklärt.
Diese Krankheit betrifft in Deutschland laut offizieller Studie, 27% der 12jährigen Kinder. Auch in der Schweiz ist die Situation beunruhigend. Laut Beobachtungen ist mehr als die Hälfte der Schulkinder betroffen.
MIH bereitet den Kindern Schmerzen, da MIH-Zähne hypersensibel sein können. Die Ursache der Krankheit stellt Ärzte und Zahnärzte vor ein Rätsel. Bis anhin. Jetzt gibt es erstmals HIER einen Ansatz zur Prävention von MIH:
Prävention MIH / Neue Erkenntnis
„Die Fluoridierung in der Schwangerschaft wurde stets kritisch beurteilt, heute ist man der Ansicht, dass sie für die Mütter grundsätzlich protektiv wirkt. Auch bezüglich Osteoporose. Da beim Kind kaum Effekte gesehen wurden, hat man auf Fluoridierung meistens verzichtet. Könnte darin allenfalls ein Grund für die vermehrten MIH Fälle liegen?“ Meint Prof. Dr. pharm. Ursula von Mandach, Präsidentin SAPP, Schweizer Akademie für Perinatale Pharmakologie, auf meine Anfrage und bestätigt den Umkehrschluss:
„Eine vermehrte Fluoridierung in der Schwangerschaft könnte meiner Meinung nach MIH verhindern.“ Prof. Dr. pharm Ursula von Mandach, Universitätsspital Zürich
Wie sieht eine MIH Molaren-Inzisiven-Hypermineralisation (Kreidezähne) aus?
MIH zeichnet sich durch weisslich, gelblich bis bräunliche wolkenartige Verfärbungen im Schmelz der Kinderzähne aus. Es betrifft Backenzahnbereich (Molaren) und Frontzähne (Inzisiven). Es tritt meistens erst bei der 2. Dentition auf, selten sind schon die Milchzähne betroffen. Dies erklärt mir Kinderzahnarzt Dr. Ammann und führt aus: „Bei starker Ausprägung zeigen die Zähne einen z.T. grossen Substanzverlust. Dabei betroffen sind die Zähne die um die Geburt verkalken, das sind insbesondere die Milch V-er, die 6-Jahrmolaren und leider auch die bleibenden Frontzähne.“

Warum wird (noch) so wenig über MIH gesprochen? Liegt es daran, dass es „das Auge“ für MIH braucht? Gerade für junge Schulzahnärzte ist eine Erkennung von MIH anspruchsvoll und vielleicht nicht immer ersichtlich?
Kinderzahnarzt Dr. Rolf Ammann fiel schon vor vielen Jahren auf, dass etwas nicht stimmt:
Ich sah vermehrt Kinder in meiner Praxis, die trotz guter Mundhygiene einzelne desolate Zähne zeigten, Insbesondere zweite Milchmolaren und erste bleibende Molaren.
Dr. med dent Rolf Ammann, Kinderzahnarzt Zürich








Ammann hat schon damals auf das Thema aufmerksam gemacht, ist aber zum Teil belächelt worden. Mittlerweile sieht man ein, dass MIH (Kreidezähne) ein schwerwiegendes Problem ist. Die Versorgung der Zähne ist technisch anspruchsvoll und die jungen Patienten sind oft vom Behandlungsbedarf völlig überfordert.
Durch die poröse Struktur des Zahnes kann eine Hypersensibilität entstehen, welche den Kindern starke Schmerzen bereitet. Die Zähne zerbröckeln bei MIH. Das lässt aufhorchen!
Auf einen Aufruf in den Sozialen Medien melden sich viele Eltern bei mir, deren Kinder an MIH erkrankt sind und die verunsichert sind.




Mir wurde gesagt, die Prognose ist selbst bei MIH Grad 1 schlecht. Es ist zum Heulen.
Mutter eines Mädchens mit MIH
MIH (Kreidezähne) ist kein Karies!
Besonders frustrierend, die kleinen Milchzähne, 1. Dentition, wurden immer schön geputzt, man war stolz dass man nie ein Loch hatte. Und dann kommen die bleibenden Zweiten Zähne, 2. Dentition, und mit Ihnen aus dem Nichts die Verfärbungen, das MIH wie dieser Fall aus der Schweiz zeigt.
MIH hat nichts mit Karies zu tun und befällt Zähne bei bester Mundhygiene.




Ursache MIH Kreidezähne?
Ich bin einfach überfragt, auch die Zahnärzte scheinen unterschiedlicher Meinung zu sein
Mutter aus Deutschland zu der Kreidezähne Diagnose ihres Kindes (via Instagram DM)
Die Ursache der MIH ist bis heute nicht geklärt, erläutert mir Dr. med dent Dana Adyani- Fard aus Meerbusch (D) im Interview. Diskutiert werden in Fachkreisen folgende mögliche Faktoren:
- Prä-, peri- und postnatale Komplikationen
- Frühkindliche Erkrankungen
- Durchfallerkrankung
- Bisphebol A BPA
- Umwelttoxine
Antibiotika und Schwangerschaft
Als mögliche Ursache für MIH, kursiert im Internet oft die Einnahme von Antibiotika während der Schwangerschaft. Dies bereitet den Müttern die mich über die Sozialen Medien kontaktiert haben, Schuldgefühle.




„Mein Sohn hat vor 6 Jahren die Diagnose Kreidezähne MIH bekommen. Die Zahnärztin hat mich gefragt, ob ich während der Schwangerschaft Antibiotika eingenommen habe. Dies war aber nicht der Fall.“
Entgegen der oft genannten Medikamenteneinnahme, speziell Antibiotika, in der Schwangerschaft als Ursache für MIH, meint Professorin von Mandach
Untersuchungen die zeigen, dass gewisse Medikamente in utero verabreicht, später beim Kind zu MIH führen können, sind mir nicht bekannt.
Prof . Dr. pharm Ursula von Mandach, Universitätsspital Zürich
Antibiotika und Schwangerschaft, der Frauenarzt meint dazu:
Auch der Zürcher Gynäkologe Dr. med Pierre Villars FMH, bestätigt die Beobachtungen von Professorin von Mandach. Und somit kann er das Gewissen der Mütter, etwas falsch gemacht zu haben, entlasten. In seiner Praxis sieht der Frauenarzt keinen Zusammenhang zwischen Kreidezähnen und der Antibiotika-Einnahme in der Schwangerschaft.
Bekannt ist, dass Tetrazyklin Antibiotika die kindlichen Zähne verfärben können, wenn sie in der Phase der fetalen Zahnmineralisation der Schwangeren gegeben werden. Von einer Hypermineralisation habe ich jedoch noch nie gehört.
Frauenarzt Dr. med Pierre Villars FMH Zürich
Lösungsansatz zur Prävention von MIH
Zu den neusten Erkenntnissen sowie dem Präventionsvorschlag betreffend vermehrter Fluoridierung in der Schwangerschaft zur Vermeidung von MIH fragt Dr. Villars:
Vielleicht sollten wir den Schwangeren (wie dies früher war) Fluor Tabletten empfehlen? Das wäre einfach und günstig.
Dr. med Pierre Villars, Frauenarzt Zürich
Sind Weichmacher im Kunststoff die Auslöser für MIH?
Ich vermute ein multifaktorelles Umweltproblem, das in einem Zeitfenster um die Geburt die Schmelzbildung stört, als Ursache für MIH. In Verdacht stehen zunehmend die Weichmacher im Kunststoff
Dr. med.dent Rolf Ammann, Zürich
Zahnentwicklung
Aus histologischen Untersuchungen ist bekannt, dass die MIH einen erhöhten Proteingehalt bei geringer Mineralisation aufweist. Dies führt zur Beeinträchtigung der physikalischen Beschaffenheit – die Vickers- Härte ist signifikant reduziert.
Dr. med. dent. D. Adyani-Fard, Niederrhein




Anhand der betroffenen Zähne lässt sich gemäss Dr. Ammann ein Zeitfenster um die Geburt definieren, so dass hier ein Reifungsschritt, die Rückresorption organischer Bestandteile aus dem neu gebildeten Schmelz, gestört wird.
Behandlung von MIH Kreidezähnen




Kinderzahnarzt Dr. Ammann geht bei MIH wie folgt vor:
- Bei weisslichen und gelblichen Verfärbungen empfiehlt es sich, die bleibenden Molaren zu versiegeln
- bräunliche Verfärbungen sollten bei der Füllungstheapie entfernt werden, da sie nicht stabil sind
- Stark betroffene McLaren mit Substanzverlust werden als Nofallmassnahme mit einem Glasionomerzement abgedeckt
- Bei stark betroffenen 6-Jahr Molaren muss an eine Extraktion mit Lückenschluss gedacht werden. Die Anlage der zum Lückenschluss notwendigen Weisheitszähne ist auf einem OPT erst mit ca 10 Jahren ersichtlich. Der definitive Entscheid sollte wenn möglich bis in dieses Alter hinausgezögert werden und mit einem Kieferorthopäden abgesprochen werden. Im Oberkiefer schliessen der 7er und der 8er die Lücke oftmals schon von alleine.
- Versiegelungen, Füllungen und Kronen regelmässig kontrollieren und wenn nötig erneuern
Die MIH Zähne wurden bei meinem Sohn vor 6 Jahren versiegelt da er Schmerzen bei Kälte verspürte. Die hat er, wenn er Glace isst, immer noch. Aber viel weniger stark.
Mutter aus dem Raum Zürich Furttal (via Facebook Messenger)




Seal to heal








Eine Versiegelung, ein Sealen ist auch für Dr. Adyani-Fard der richtige Therapieweg bei MIH. „Bei frühzeitiger Diagnostik und vor allem bei der moderaten Form der MIH, sollte man diese direkt Glasionomerbasiert versorgen. Ich habe dabei sehr gute Erfahrungen mit EQUIA Forte (Hybridglasionomer) bei Defektbeteiligung und Fuji Triage (glasionomerbasierter Versiegler) bei starker Hypersensibilität ohne Defekt gemacht.“
Generell gilt, Leidensdruck der Kinder verringern
Der Kinderzahnarzt Rolf Ammann rät
- Säurehaltige Getränke (Süssgetränke) und Lebensmittel wie Saure Gummibärchen etc meiden!
- Optimal Fluoridierung mit altersentsprechender Zahnpasta und Spüllösung, (sogenannte Natur-Zahnpastas ohne Fluor sind bei MIH ungeeignet)
- Regelmässig mindestens halbjährliche Zahnkontrolle
- Bei Überempfindlichkeit ann die Elmex Professional Spülung oder der Emofluor-Gel helfen
Veneers bei Kinder?
Die Zahnärztin Dr. Adyani-Fard findet es wichtig, dass die Problematik MIH von mehreren Seiten betrachtet wird. Einerseits sind da die starken Beschwerden (Hypersensibiltäten), welche mittels der Glasionomere und kombinierter Remineralisationspasten (MIPaste Plus) gut behandelt werden.
Andererseits muss man der psychologischen Komponente auch mehr Aufmerksamkeit widmen.
„Der heutige Druck auf das Erscheinungsbild beginnt schon in recht frühen Jahren und somit beobachte ich gerade im Bereich der Inzisiven- Hypomineralisation den geschilderten Leidensdruck der Schulkinder. Hier stellt sich eine möglicherweise kontroverse Betrachtung und Diskussion ein, wann und wie über rekonstruktive und kaschierende Massnahmen nachgedacht werden sollte (Veneers, Anmerkung der Redaktion). Welche Adhäsions- Protokolle und Compositversorgung zur Beseitigung der Opazität erfüllen ein klinisch suffizientes und vertretbares Ergebnis? “ Dr. med dent Adyani-Fard
Fazit
MIH die Molaren-Inzisiven-Hypermineralisation, auch Kreidezähne genannt, ist eine sehr ernstzunehmende Krankheit. Diese tritt besonders in den westlichen Ländern und immer häufiger auf. Laut Beobachtungen ist jedes Zweite Schulkind in der Schweiz betroffen. Jetzt muss endlich gehandelt und mehr geforscht werden.
Und nochmals ganz wichtig, das Thema Prävention und Aufklärung
Eine vermehrte Fluoridierung in der Schwangerschaft könnte meiner Meinung nach MIH verhindern.
Prof. Dr. pharm Ursula von Mandach, Universitätsspital Zürich, Präsidentin SAPP, Schweizerische Akademie für Perinatale Pharmakologie
Dieser Beitrag erschien Zahnzeitung Schweiz ZZS, 10/20 veröffentlicht.
4 thoughts on “MIH Kreidezähne”
Ich finde den Blog sehr toll und interessant!
Vielen herzlichen Dank! 🙏
Endlich nimmt sich mal jemand diesen wichtigen Themas an! Danke für den tollen Beitrag.
Vielen Dank für die Rückmeldung! Immer schön zu hören, wenn ich mit Infos helfen kann🙏