Ist Karies wieder auf dem Vormarsch?

Ist Karies wieder auf dem Vormarsch?

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Kampf gegen Karies

Mit Karies befasst man sich seit den 70-er Jahren in der Schweiz intensiv. Der Besuch beim Schulzahnarzt wird jährlich von den Gemeinden und Schulbehörden angeordnet. Die „Zahnputztante“ kommt regelmässig im Klassenzimmer vorbei und Kinder lernen schon von klein auf, wie sie ihre Zähnchen richtig putzen sollen. Also alles gut, da können wir um die Wette strahlen? Jein, nicht ganz. Karies ist hartnäckig. Das hat Labor Gredig an einem Fachanlass diese Woche in Zürich erfahren.

Oral Care & Cocktails

Letzten Mittwoch trafen sich Zahn-Prophylaxe-Experten aus der ganzen Schweiz. Desiree ist seit über 30 Jahren Dentalhygienikerin DH in Zürich Höngg und findet, Kariesfälle  haben in letzter Zeit zugenommen.

DH Desiree zur Karies Zunahme

Ich sehe in der Praxis immer häufiger junge Frauen und Mütter die sog. „grün“ leben wollen und auf Zusätze verzichten. Leider wählen sie dann auch Zahnpastas ohne Fluorid. Folglich sehe ich deswegen wieder mehr Karies und Löcher.

Dentalhygienikerin Desiree

Fluorid

Der bewusste Verzicht auf Fluorid als direkter Einfluss auf die Karieszunahme wird von allen Prophylaxe-Experten, die Labor Gredig am Anlass von GABA Schweiz getroffen hat, bestätigt. Referent Michael Schneider von Colpal, die unter anderem Elmex vertreibt, zeigt Statistiken, die aufhorchen lassen:

97,5% von allen 35-44 Jährigen haben oder hatten schon eine Karieserfahrung

Wissenschaftlich wurde erwiesen, dass Fluorid eine exponentielle Wechselwirkung auf Karies hat. Werden also bewusst Zahnpastas gebraucht, die fluoridfrei sind, ist der Zahn weniger geschützt. Michael Schneider fasst es so zusammen:

Wir nehmen immer mehr Zucker zu uns. Dies ist mit einer Zahnpasta mit normalem Fluoridgehalt nicht mehr regulierbar

Intervallfasten & Biofilm

Es ist aber nicht nur das WAS sondern auch das WANN wir essen. Ernährungswissenschaftler berichten von neuen Trend „Grazing“, so Schneider weiter. Das heisst, es werden nicht mehr 3 Mahlzeiten pro Tag eingenommen, dazu vielleicht ein Znüni, sondern viele Leute essen/snacken den ganzen Tag. So entsteht in der Mundhöhle konstanter Stress. Dieser lässt dem pH Wert, der das saure und somit kariesfördernde Milieu im Mund beschreibt, keine Zeit, sich zu regulieren. Der Biofilm der für ein gesundes Klima sorgt wird gestört. Es wäre folglich besser, zwischen den Mahlzeiten längeren Abstand zu haben, wie beim Intervallfasten

Der Biofilm des Mundes steht im direkten Zusammenhang mit gesunden Zähnen. Er braucht zwischen den Mahlzeiten Zeit um sich wieder zu regulieren. Lange Essenspausen wie wir es vom Intervallfasten kennen, helfen dem Biofilm dabei. Und so entsteht weniger Karies.

Professor Krejci von der Universität Genf, am Dentalpin Kongress 2019 in Davos

Zucker überall!

Aber nicht nur der Verzicht von Fluorid führt zu mehr Löchern, sondern auch unser vermeintlich gesundes Essen, konstatiert die Ostschweizer Dentalhygienikerin Angela Gemperle:

Dentalhygienikerin Angela Gemperle

Es ist perfid, dass heutzutage überall Zucker versteckt ist. Bereits im Schoppenmilchpulver ist Zucker. Jeder Farmerriegel ist voller Zucker. Das führt dazu, dass wir unbewusst auf Süsses fixiert werden. Zudem scheinen die Leute gestresster und nehmen sich weniger Zeit zum Zähneputzen. Die Folge davon ist klar: Es gibt wieder mehr Kariesfälle in der Praxis.

Alterskaries

Laut Erfahrungsberichten von Zahnärzten ist Karies nicht nur ein Thema bei Kleinkindern und jungen Menschen, sondern tritt gerade auch bei älteren Patienten wieder vermehrt auf. Dies weil die Pufferkapazität und die Menge an Speichel mit dem Alter abnimmt. Und da die Menschen heutzutage älter werden, entsteht eine neue Bevölkerungsgruppe, bei der wieder Karies registriert wird.

Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium hat die Orale Gesundheit in der Schweiz mit einem Monitoring untersucht. Zusammenfassend kommt es darin zu folgendem Schluss:

Studie orale Gesundheit der Schweiz
Auszug aus Orale Gesundheit der Schweiz

In dieser Studie sieht man aber auch klar, dass bei Kindern eine direkte Verbesserung der Mundhygiene in Zusammenhang mit der Schulzahnpflege steht.

Schulzahnpflege

Karies sei bei Schulkindern in den letzten Jahrzehnten, seit Mitte der 60-ger Jahre die Schulzahnpflege und Fluorid eingeführt wurden, sogar um 90% zurückgegangen, sagt Dr. Giorgio Menghini. Er ist Wissenschaftlichter Mitarbeiter der Abteilung Präventivmedizin und orale Epidemiologie des Zentrums für Zahnmedizin der Universität Zürich.

Rückgang Karies bei kinder

Dr. Menghini forscht seit Jahren auf diesem Gebiet. Er möchte auf keinen Fall von einen Karies-Trend sprechen, sagt er Labor Gredig im Telefoninterview. Seit Beginn der Messungen sei Karies sogar bei allen Alterskategorien massiv zurückgegangen. Die Erfahrungsberichte von den Prophylaxe-Expertinnen spiegeln für ihn Ausnahmefälle dar. Aber auch Giorgio Menghini sieht klar die Problematik bei dem grünen, chemiefreien Denken und Ernähren.

Wenn Leute bewusst auf Fluorid verzichten, sind Löcher in den Zähnen die wahrscheinliche Folge.

Zucker und Kohlenhydrate sind Nahrung für Bakterien

Zusammenfassend lässt sich also sagen, Karies ist immer noch ein aktuelles Thema. In Statistik und Theorie zwar reduziert auffindbar, aber in der Praxis scheint Karies vermehrt präsent zu sein. Zucker und Kohlenhydrate sind Nahrung für Bakterien. Es wäre gut, wenn man die Mahlzeiten etwas zusammenfasst. Also das Dessert nicht 30 Minuten nach dem Hauptgang, sondern  unmittelbar danach einnimmt. So kann sich der pH-Spiegel wieder normalisieren. Auch sollte ständiges Essen, Grazing, den Zähnen zuliebe vermieden werden. Intervallfasten kann helfen den Biofilm im Mund zu verbessern.

Kariesfrei durchs Leben?

Mit 2-3 mal am Tag die Zähne gründlich reinigen und einem regelmässigen Besuch bei der DH, tut man seinen Zähnen Gutes und sollte so praktisch kariesfrei durchs Leben kommen, sagt Dr. Menghini zum Schluss.

Herzlichen Dank für die freundliche Unterstützung des Beitrages und die zur Verfügungstellung der Statistiken an

http://www.zzm.uzh.ch

http://www.sso.ch

https://www.obsan.admin.ch/de/publikationen/orale-gesundheit-der-schweiz-stand-2006

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